Eine kurze Leseprobe

 

 

 

Der Himmel hat sich zugezogen. Nur ein paar dunkelblaue Stellen mogeln sich durch die Wolkendecke. Wahrscheinlich fängt es gleich an zu regnen und ich bin sicherlich nicht in der Stimmung auch noch klitschnass zu werden. In gewisser Weise spiegelt das düstere, regennasse Wetter mein derzeitiges Befinden wider, schlecht gelaunt und zum Heulen zumute. Ich bin gerade auf halber Strecke, als es auch schon anfängt. Regen prasselt auf mich und meine Mitmenschen nieder. Dummerweise ist es gerade die Hauptverkehrszeit und ich muss an einer Ampel warten, wenn ich nicht überfahren werden will. Und dann sehe ich Ian. Er läuft auf der anderen Straßenseite, schnell und ebenfalls nass. Er trägt einen Schirm und alleine dafür könnte ich ihn schon ohrfeigen. Als hätte Ian meinen Blick gespürt, bleibt er plötzlich stehen. Er lässt seinen Blick schweifen und bleibt dann an mir hängen. Mein Herz zieht sich bei seinem Anblick schmerzhaft zusammen. Die Sehnsucht ist so stark, dass ich mich zwingen muss, hier stehen zu bleiben und nicht einfach über die Straße zu rennen und ihn mit allem, was ich habe, in Beschlag zunehmen. Sei es positiver oder negativer Art.

Aus dem leichten Schauer wird ein Platzregen, der unbarmherzig auf uns niedersaust. In kürzester Zeit bin ich bis auf die Haut durchnässt und ich muss gegen den Regen anblinzeln. Augenblicklich bildet sich ein Kloß im Hals, der so plötzlich in mir emporsteigt, dass ich ihn nur mit Mühe wieder hinunterschlucken kann. Meine Augen füllen sich mit Tränen, aber anstatt zu weinen und den Gefühlen freien Lauf zu lassen, tut es der Himmel für mich.

Ich beiße mir auf die Unterlippe und schaue ihn einfach nur an. Er blickt mir immer noch stumm entgegen, aber diesmal ist kein Grinsen oder Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Ian steht lediglich reglos und wie festgefroren da und wartet. Auf was? Ich würde zu gerne wissen, was er denkt. Vermisst er mich? Denkt er manchmal an mich? 

Plötzlich bricht er unseren Blickkontakt ab, öffnet eine Taxitür und rauscht davon.

 

Ich blinzel betäubt dem immer kleiner werdenden Taxi hinterher, das mich einsam zurücklässt. Der Versuch ein Aufschluchzen zu unterdrücken, treibt mich an einen Punkt, der es mir unheimlich schwer macht, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Die Ampel vor mir stellt sich auf grün und so schnell ich kann, fahre ich nach Hause, damit ich den Emotionen und dem Zittern, das sich in meiner Brust ausgebreitet hat, nachgeben kann. Es kommt mir vor, als wenn ich gegen das Leben anfahre, gegen das Leben, welches mir in letzter Zeit so sehr zugesetzt hat.